MUTTERTAG

Pfarrei

Liebe Gemeinde!

In seiner Kurzgeschichte „Die Küchenuhr“ zeichnet Wolfgang Borchert in beeindruckender Weise das Bild einer Mutter der damaligen Zeit. Der Sohn, aus dem Krieg heimgekehrt, findet zuhause nichts als die alte Küchenuhr vor. Sie ist genau um halb drei stehen geblieben. „Um halb drei kam ich nämlich immer nach Hause. Nachts, meine ich. Fast immer um halb drei. So spät wieder, sagte sie dann. Mehr sagte sie nie. Nur: So spät wieder. Und dann machte sie mir das Abendbrot warm und sah zu, wie ich aß... Es war mir so selbstverständlich. Das alles. Es war doch immer so gewesen.“

Eine solch aufopferungsvolle Mutter gibt es wohl kaum mehr. Aber es gibt immer
noch Mütter (und auch Väter), die sich um ihre Kinder sorgen, die nachts
am Bett des schwer kranken Sohnes wachen oder nicht eher einschlafen, bis
auch das letzte Kind im Haus ist. Mütter, die glücklich sind, wenn es allen um
sie herum gut geht. Diese Mütter gibt es nach wie vor - aber sie haben heute
ein anderes Selbstverständnis als ihre Mütter damals.

Sie sind nicht mehr allein Mutter. Sie gehen weder völlig in dieser Rolle auf (und
bisweilen unter), noch stehen sie jederzeit wie selbstverständlich für die Familie
bereit. Die selbstbewusste Frau und Mutter weiß ihre eigenen Interessen und
berechtigten Ansprüche durchzusetzen - wie alle anderen in der Familie. Denn
Mutterschaft ist heute keine Lebensaufgabe mehr! Sie beansprucht nicht mehr
das ganze Leben, sondern nur noch eine begrenzte Zeit. Die Zeiten, in denen
Frauen allein auf Kind und Küche (und mitunter auf Kirche) festgelegt waren,
sind wohl endgültig vorbei. Wertschätzung und Erfüllung lassen sich auch noch
in anderen Lebensfeldern finden. Andernfalls gehen mit den Kindern zugleich
Lebenssinn und Lebenshoffnungen aus dem Haus. „Meine Mutter hatte einen
Haufen Ärger mit mir, aber ich glaube, sie hat es genossen“, spottete einst Mark
Twain (1835-1910).

Und dennoch, allen emanzipatorischen Entwicklungen zum Trotz: Mütter sind
neuerdings wieder ganz aktuell im Gespräch. Und zwar durch selbstbewusste
Frauen, die sich - viele schon um die 30 Jahre - voller Stolz zu ihrer Mutterschaft
bekennen. Nach Jahren oft erfolgreicher Tätigkeit in ihrem Beruf entschließen
sie sich – „ehe es zu spät ist“ - für ihr Wunschkind. Karriere und Geld
allein können nicht Lebenswerk sein. Das Glück braucht einen Namen. „Du
sollst mich Mutter heißen, das ist auch der einzige Name, der mein Glück verheißt“,
so ermahnte einst Goethes Mutter ihren berühmten Sohn.

Dieser Tage fand ich mit Blick auf den Muttertag ein arabisches Sprichwort, das
die Wertschätzung der Mütter eindrucksvoll zum Ausdruck bringt: „Weil Gott
nicht überall sein konnte, schuf er die Mütter.“

In diesem Sinne wünsche ich allen Müttern und ihren Familien in Gelsenkirchen
und anderswo einen frohen und gesegneten Muttertag.
Ihr Pastor Mirco Quint

Zurück